Letzte Nacht wurde ich von einem obdachlosen Mann mit schmutziger Kleidung und barfuß verfolgt: Unter einem Fußgängerüberweg erreichte er mich schließlich und tat etwas, das mich immer

Scham.

Eine tiefe Schande, schwer zu erklären.

Ich hatte ihn als Bedrohung wahrgenommen. Ich hatte ihn aufgrund seines Aussehens, seiner Armut und seiner Andersartigkeit beurteilt. Ich hatte mir das Schlimmste ausgemalt und keinen Raum für andere Möglichkeiten gelassen.

Und stattdessen…

„Danke…“, brachte ich mit leiserer und unsicherer Stimme hervor.

Ich nahm die Geldbörse mit zitternden Händen entgegen.

Er nickte leicht, als wäre es nichts Besonderes. Als wäre es einfach das, was getan werden musste.

Einen Moment lang standen wir da, unter diesem kalten Licht, verharrten in einer Stille voller Bedeutung.

Dann schaltete die Ampel um.

Die Autos setzten sich wieder in Bewegung.

Der Lärm der Stadt kehrte zurück und erfüllte die Stille.

Der Mann wich einen Schritt zurück, bereit, so schnell wieder zu gehen, wie er gekommen war.

—Moment… — sagte ich instinktiv.

Er hielt an.

Ich zögerte.

Was sollte ich sagen? Was könnte diese Geste wiedergutmachen?

Ich öffnete meine Brieftasche. Alles war an seinem Platz: Geld, Dokumente, Karten. Nichts fehlte.

Ich schaute auf.

„Warum…?“, flüsterte ich und merkte sofort, wie sinnlos diese Frage war.

Er antwortete nicht.

Nicht etwa, weil er es nicht wollte.

Aber warum konnte er das nicht?

Und vielleicht lag in dieser Stille bereits die ganze Antwort.

Er blickte nach unten und machte dann eine kleine Handbewegung, als wollte er sagen: „Das spielt keine Rolle.“

Und er drehte sich um.

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Familie
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Ich sah ihm nach, wie er langsam wegging, seine nackten Füße auf dem Asphalt, seinen Rücken gekrümmt, seine Gestalt in den Schatten der Straße verschwindend.

Ich hätte gehen können.

Vergessen.

Ich werde mein Leben fortsetzen, als wäre nichts geschehen.