„Ich war mir immer sicher, dass in der Familie meiner Frau noch nie ein rothaariges Kind geboren worden war“, dachte ich bitter, während ich das Neugeborene in der Wiege anstarrte.

Das Kind war nicht einfach nur blond, auch nicht mit einem Hauch von Kupfer: Es war leuchtend rot, eine so intensive Farbe, dass sie fast unnatürlich wirkte, als hätte jemand diesen Farbton mit Bedacht gewählt. Jedes Mal, wenn der kleine Nicolas mit seinen Augen das Neonlicht im Krankenzimmer erblickte, schien die Farbe zum Leben zu erwachen und alles um ihn herum wie ein kleines Feuer zu erleuchten.

Elena, meine Frau, lag auf dem Bett, das Gesicht zur Wand gewandt, das Haar zu einem wirren Strang zurückgebunden. Ihre schwache Stimme sagte nur, dass sie müde sei. Ich nickte, vollkommen verständnisvoll. Die Geburt hatte sie erschöpft, und mir ging es nach drei Stunden Warten auf dem Flur, ein Glas inzwischen kalten Tee in der Hand, kaum besser.

Trotz allem kehrte mein Blick immer wieder zu dem Kind zurück. Sein rotes Haar war so intensiv, dass ich mich in diesem mir so vertrauten Raum plötzlich wie eine Fremde fühlte. In meiner Familie gab es immer dunkle Haare: Mein Vater war dunkelhaarig, ich selbst hatte dunkelbraunes Haar und Augen so grau wie Novemberregen. Mein Großvater und mein Urgroßvater, an den ich mich nur von einem alten gerahmten Foto erinnerte, hatten alle dunkles Haar und tiefliegende Augen. Sogar unser Erstgeborener, Artem, hatte meine Haarfarbe geerbt: dichtes, dunkles Haar, graue Augen und ein kleines Grübchen auf der Wange, das ihn sofort erkennbar machte. Lisa, unsere Tochter, war heller, eher wie Elena, aber in unserer Familie gab es nie einen Hauch von Rot.

Ich nahm den Hörer ab und schrieb meiner Mutter eine SMS, voller Neugier und Besorgnis:

„Sag mal, gab es jemals Rothaarige in unserer Familie?“

Die Antwort kam fast umgehend:

„Nein. Soweit ich mich erinnere – nie. Was ist passiert?“