Als ich das Haus meiner Schwester besuchte, gab sie ihrem Hund gerade Knochen zu fressen.

Taras Sohn.

Derselbe Leo, von dem sie gesagt hatte, er „lebe jetzt bei einer befreundeten Familie“, weil er „zu schwierig“ sei, derselbe Leo, den seit Monaten niemand gesehen hatte.

Meine Lungen vergaßen, wie man atmet.

Mila flüsterte, kaum hörbar:

„Das ist Cousin Leos Armband.“

Und in diesem Moment starb Taras nervöses Lachen.

Ich schrie nicht.

Ich wollte es.

Aber Schreien macht dich zum Problem, und plötzlich verstand ich, dass Taras Haus die Art von Ort war, an dem das „Problem“ kontrolliert wird.

Ich zwang meine Stimme ruhig zu bleiben.

„Tara“, sagte ich leise, „warum ist Leos Armband im Hundenapf?“

Taras Augen schossen zu Gabe, scharf und warnend.

„Das ist nicht von Leo“, sagte sie zu schnell.

„Das ist—so ein billiges Armband, das Kinder tauschen. Du bildest dir das ein.“

Gabe gab ein Geräusch von sich wie ein unterdrücktes Schluchzen.

Seine Hände zitterten so sehr, dass ihm fast das Handy aus der Hand fiel.

Er sah mich an, dann Mila, dann weg—als könnte er in diesem Moment das Gesicht eines Kindes nicht ertragen.

Mila klammerte sich an meinen Ärmel.

„Mama… er hat es jeden Tag getragen“, flüsterte sie.

„Er hat es mir gezeigt. Er hat gesagt, die Perle ist da, damit er sich nicht verläuft.“

Dieser Satz ließ meinen Magen zu Eis werden.

Ich trat näher an den Napf, als würde ich nur Mila hinter mich bringen.

Roxy knurrte leise—beschützend gegenüber ihrem Futter—also griff ich nicht hinein.

Ich musste es nicht.

Ich hatte bereits genug: das Armband, den Namen, Taras Panik, Gabes Zittern.

„Tara“, sagte ich leise, „wo ist Leo?“

Ihr Lächeln kehrte in Bruchstücken zurück, nur Zähne und keine Wärme.

„Es geht ihm gut“, sagte sie.

„Er ist bei Leuten, die mit ihm umgehen können. Anders als du—immer nur am Urteilen.“

Ich sah Gabe an.

„Gabe“, sagte ich ruhig, „sag mir, wo er ist.“